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FAQ

Mitgefühl

Mitgefühl und Mitleid – ist das nicht das Selbe?

Mitgefühl und Mitleid ist nicht das Selbe. Mitleid ist die gefühlte Anteilnahme an Schmerz und Leid anderer. Die zentrale Voraussetzung, um Mitleid zu empfinden, ist eine zumindest partielle Identifikation mit demjenigen, mit dem man Mitleid empfindet.

 

Nach christlicher Sichtweise ist Mitleid die Voraussetzung für Barmherzigkeit (Misericordia) und damit wesentlicher Bestandteil tätiger Nächstenliebe.

 

„Was aber ist Mitleid anderes als das Mitempfinden fremden Elends in

unserem Herzen, durch das wir jedenfalls angetrieben werden zu helfen,

soweit wir können?“ [Augustinus]

 

Im MBCL wird dies jedoch anders definiert: Mitleid ist, wenn es uns leid tut, dass sich jemand in einer unglücklichen Situation befindet – und wir uns dann wieder unseren eigenen Angelegenheiten zuwenden. Genau darum ist Mitleid kein Mitgefühl, weil es nicht zu einer aktiven Linderung von Leid führt.

Weshalb soll ich bitteschön Selbstmitleid trainieren?!

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid. Wenn wir uns bemitleiden, fühlen wir und alleine und unverstanden mit unseren Problemen. Wir kreisen mehr und mehr um unsere Leidensgeschichte („Ich Ärmste(r)!“) und verstricken uns darin. Durch Selbstmitgefühl hingegen entwickeln wir die Fähigkeit, unser Leid anzuerkennen und uns Verständnis und Trost zu schenken. Gleichzeitig erinnern wir uns, dass auch alle anderen Menschen schwere Zeiten durchleben.

Ist es nicht egoistisch, Selbstmitgefühl zu praktizieren?

Zu Beginn des MBCL-Trainings wird der Schwerpunkt vor allem auf Freundlichkeit und Mitgefühl sich selbst gegenüber liegen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir Egoismus praktizieren! Bei vielen Menschen geht es wahrscheinlich eher darum, eine starke Neigung zu einer erlernten Lebenshaltung wie z.B. „Du bist in Ordnung, ich bin nicht in Ordnung“ zu kompensieren. Wir versuchen im MBCL statt dessen mehr von der Perspektive „Mache die Welt gütiger – beginne bei dir selbst“ und auch „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ auszugehen.

Ich kann mich gut in andere einfühlen, ist das Mitgefühl?

Empathie (Einfühlungsvermögen) bedeutet: fühlen, wie jemand. Es ist ein sich hineinversetzen können in jemand anderen, ein aktiver Prozess des einfühlenden Verstehens, gewissermaßen „in den Mokassins eines anderen gehen“ (Perspektivenübernahme).

 

Wer empathisch ist, der hat die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und ggfs zu reagieren.

Grundlage für Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener man für seine eigenen Emotionen ist, desto besser kann man die Gefühle anderer deuten.

 

„Kognitive Empathie lässt uns erkennen, was ein anderer fühlt.

Emotionale Empathie lässt uns fühlen, was der andere fühlt, das Mitleiden

bringt uns dazu, dass wir dem anderen helfen wollen ...“ [Paul Ekman]

 

Empathie und Mitgefühl ist jedoch nicht das Gleiche. Mitgefühl ist komplexer als einfache Empathie und gibt häufig Anlass zu einem aktiven Wunsch, das Leiden eines anderen zu lindern. Die höchste Form von Mitgefühl ist die, die allen Wesen und allen Erscheinungen dieser Welt wird mit derselben alles umfassenden Liebe und Hilfsbereitschaft begegnet (Karuna).

Ist Mitgefühl auf Dauer nicht ermüdend oder sogar gefährlich?

Mitgefühlspraxis ist nicht ermüdend, wenn man akzeptierend und milde für das ist, was ist und versteht, dass es kein Mittel ist, um Frieden und Weisheit zu erzwingen. Im MBCL geht es um die schlichte und freundliche Beschäftigung mit der Praxis, statt um das Erzwingen von positiven Resultaten.

 

Die Mitgefühlspraxis wird erst dann ermüdend, wenn man sich zu sehr anstrengt: um zu verändern, was ist; um zu beherrschen, was ist; um loszuwerden, was ist oder um etwas zu verwirklichen, was nicht sein kann.

 

Und mitfühlend zu sein bedeutet auch nicht, es immer allen recht machen zu wollen. Hier noch ein Zitat, das es sehr gut auf den Punkt bringt:

 

„Mitgefühl zu haben heißt nicht, es ständig allen Leuten recht machen zu wollen. Die Motivation eines Jasagers ist Selbstschutz. Es ist also nicht echte Fürsorge für einen anderen Menschen, sondern der Wunsch, andere mögen gut von uns denken oder nett zu uns sein. Ein solches Motiv entspringt dem Bestreben, unser Ego zu schützen, und nicht, jemand anderem etwas Gutes zu tun.“ [Ehrw. Bikshuni Thubten Chodron]

„Mitgefühl“ klingt so wachsweich. Ist das Training eher für Frauen oder „Softies“ gedacht?

(Selbst-)Mitgefühl ist nichts für Feiglinge oder Weicheier. Mit Selbstmitgefühl auf Bedrohungen oder Belastungen zu antworten bedeutet nicht, zu allem „Ja-und-Amen zu sagen“ oder Schwierigkeiten mit Zuckerguss zu übertünchen. Im Gegenteil: Es bedarf viel Mut, sich schmerzhaften Erfahrungen zuzuwenden. Aber nur so ist Heilung möglich.

 

Das MBCL-Training ist daher gleichermaßen für Frauen und Männer hilfreich und wichtig!